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in the shadow

»Ohne Sonne gibt es keinen Schatten«, sagte die alte Dame, die sich zu ihr auf die Bank setzte und zu der Kastanie blickte, die majestätisch ihre Äste ausstreckte, als wolle sie jeden im Park berühren; nur waren die Zweige zu zart, als dass sie einer Berührung standgehalten hätten. Genau wie bei ihr. Ihre Schwester warf ihr immer vor, sie zerbreche beinahe unter den Berührungen anderer. Das tat sie natürlich nicht. Sie zuckte zusammen, als hätte sie sich verbrannt. Manchmal schrie sie auf, wenn sie in Gedanken war und die Berührung nur aus den Augenwinkeln wahrgenommen hatte.

»Die Frau in meinem Zimmer beschwert sich in einer Tour über die Sonne und die Hitze und die Bienen. Ich mochte ihr gar nicht sagen, dass der Sommer doch erst angefangen hat.« Sie lachte bellend.

Anna schwieg. Nicht nur, weil sie nicht reden wollte; sie wusste einfach nichts darauf zu erwidern. Früher wäre ihr etwas Witziges dazu eingefallen, was die alte Dame zum Lachen gebracht hätte. Doch im Moment hatte sich der ganze Schatten eines Sommers in ihrem Kopf ausgebreitet, das selbst ihr Lächeln verschlungen hatte. Und so nickte sie nur, die Augen starr auf ihre Schuhe gerichtet, in der Hoffnung, in Ruhe gelassen zu werden.

»Sie liegen nicht auf der Inneren, oder? Ich glaube, ich kennen dort schon jeden mittlerweile. Seit drei Wochen bin ich da. Wo liegen Sie denn?«

Sie spürte die Blicke der Frau auf sich, die sich wie Pfeilspitzen in ihre Haut bohrten, bis diese zu kribbeln begann. »Psychiatrie.«

»Aber Sie sind doch noch so jung!«

Beinahe hätte sie gelacht, doch ihr Lachen war eine Geisel des Schattens in ihrem Kopf geworden. Gefesselt an lauter traurigen Erinnerungen und noch traurigeren Gesichtern, von denen die meisten ihre eigenen waren.

»Die jungen Leute heute!« Die Frau öffnete den Reißverschluss ihrer Handtasche und holte ein Paket Bonbons heraus, das sie ungeöffnet wieder zurückpackte. »Früher hatten wir keine Zeit verrückt oder traurig zu werden. Wir mussten arbeiten und unsere Kinder großziehen. Und unsere Mütter hatten auch keine Zeit für so etwas. Die mussten den Krieg überleben, die Stadt wiederaufbauen und ihre Kinder alleine großkriegen, weil so viele Väter im Krieg geblieben sind.«

»Wir haben unsere eigenen Kriege, die wir austragen müssen«, flüsterte Anna und stand auf. Sie lief eine Weile im Park herum und stellte sich schließlich unter die Kastanie, in den Schatten, legte den Kopf in den Nacken und begann, die Zweige und die Blätter zu zählen, bis das Braun und das Grün zu einem einzigen Klecks verschwamm und ihr schwindelig wurde. Als sie zurück zur Bank sah, entdeckte sie ihre Schwester, die ihr zuwinkte. Doch sobald sie aus dem Schatten getreten war, war Nora verschwunden und die Bank leer. Der Schatten nahm ihr alles.

 

 

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