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Die Toten von St.Pauli

Die Toten von St.Pauli 

Robert Brack / Verlag: Ullstein 

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1920. In Magdeburg flieht eine junge Frau aus einer "Irrenanstalt". Sie legt ihren alten Namen ab und nennt sich fortan Greta Wehmann. Ihr gelingt es in einer Kutsche zum Bahnhof zu gelangen, ohne gefasst zu werden. Sie wirkt freundlich, doch es ist für den Leser schnell offensichtlich, dass mit ihr etwas nicht stimmt.

Immer wieder drehte sie die Hände um und starrte sie an. Diese rosige Farbe, könnte die nicht auf etwas hindeuten?

Der Leser erfährt in den ersten Kapiteln nicht viel über den Grund ihres Aufenthalts in der Anstalt. Es ist etwas vorgefallen, wofür sie laut des Pfarrers Reue zeigen soll. Es lässt sich erahnen, dass ihr eine schreckliche Tat zur Last gelegt wird. Klar wird aber nur, dass sie nach Hamburg fährt, um jemanden zu suchen.

Kriminaloberwachtmeister Weber in Hamburg St.Pauli wird zu einem schrecklichen Tatort gerufen. Eine Babyleiche. Es bleibt nicht die einzige in dem Roman. Weber hat einen schweren Stand unter seinen Kollegen. Er denkt zu viel, philosophiert zu viel laut seinem Vorgesetzten. Dabei stellt er aus heutiger Sicht betrachtet eigentlich nur die richtigen und schlüssigen Fragen. Und er hinterfragt vor allem, sehr zum Verdruss seines Chefs, der vorschnell urteilt und zügig Ergebnisse sehen will, dabei nicht gewillt ist über den Tellerrand zu schauen. Und seiner schwangeren Frau gehen seine Gedankengänge auch zu weit. Er soll einfach das machen, was von ihm verlangt wird, nicht aus dem Rahmen fallen und sich am besten in den Innendienst versetzen lassen. Weber ist ziemlich alleine, seiner Zeit irgendwie voraus. Der Krieg ist gerade zwei Jahre zu Ende, viele Männer leiden immer noch unter den Erlebnissen, es herrscht vielerorts Armut, die Leute haben keine Zeit und Energie, Dinge zu hinterfrage. Eine Vertraute findet er in einer Wirtin, die er regelmäßig besucht, und der er sein Herz ausschüttet. Sie hört ihm zwar zu, doch nach wenigen Sätzen wird klar, dass auch sie ihn nicht richtig versteht. Zumindest anfangs nicht. Dennoch ist sie ihm eine Stütze, mehr als seine Frau.

Der Roman wird abwechselnd aus der Perspektive von Greta und der von  Weber erzählt. Der Leser begleitet Greta durch ganz St.Pauli, wo sie verzweifelt jemanden sucht, von dem ich erst angenommen habe, er könne oder solle ihr helfen. Haltlos wandert sie durch die schäbigen Straßen von St.Pauli, trifft allerlei Personen, von denen es einige besser mit ihr meinen als andere. Sie kommt mal hier mal dort unter, nimmt verschiedene Stellen an, verliert sie wieder und muss sich gleichzeitig vor der Polizei verstecken.  Die Schilderungen wirken sehr authentisch. Es  war faszinierend ins St.Pauli der 20er Jahre einzutauchen. Allein deswegen lohnt sich dieser Roman schon.

Weber bekommt den Auftrag,  Greta Wehmann zu finden, da es Hinweise gibt, dass sie sich in St.Pauli aufhält. Als weitere Babymorde geschehen, ist sein Vorgesetzter überzeugt, dass als Täterin nur die entflohene Irre in Frage kommt. Weber ist schon bald fasziniert von der Frau, die er such,t und der er näher ist, als er ahnt. Je dichter er ihr auf den Fersen ist, umso mehr Zweifel kommen ihm an ihrer Schuld, auch wenn alle Hinweise gegen  sie sprechen.

Der Kriminalroman ist spannend geschrieben, die Figuren und damaligen Begebenheiten authentisch geschildert. Die kleinsten Details sind sehr gut ausgearbeitet worden, sodass keine Lücken entstehen, etwa was die politische Stimmung damals betrifft, die Vorbehalte der Polizei gegenüber, das Misstrauen unter den Menschen etc. Relativ am Ende gab es eine Stelle, die mich persönlich ein wenig gestört hat. Als Weber nun mehrmals die Verdächtige "verliert", wirkte das auf mich zu konstruiert. Dabei hat das Buch das gar nicht nötig, es ist von vorne bis hinten spannend, ohne dass man künstlich Spannung aufbauen muss. Aber das ist nur ein winziger negativer Punkt. Nicht nur für Hamburg Liebhaber eine Leseempfehlung.

 

Fazit

Spannender Krimi mit viel Hamburg - Flair der 20er Jahre

 

Eine interessante Szene ist, als Weber in der Anstalt mit dem Arzt spricht, der Greta Wehmann behandelt hat. Am Ende des Gespräches redet der Arzt abfällig über einen Kriegsveteranen, der dort Patient ist.

"Die Fähigkeit zum Heldentum scheint nicht mehr weit verbreitet in unserer Zeit."

"Sind Sie im Krieg gewesen, Herr Doktor?"

"Nein."

"Schade."

 

 

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